Schicksale
Hier erfahrt Ihr etwas über die Schicksale der Recken von Frisia-Magna:
Die Geschichte von Ragnar und Tjorvin.
Es war ein langer kalter Winter gewesen.
Wir mussten das erste mal seit langem wieder hungern.
Der letzte Sommer war reich an fetten Raubzügen gewesen, doch über den
Winter waren alle Vorräte aufgebraucht. Selbst mein Großvater Erik Eriksson sagte dass er sich an so
einen harten Winter nicht erinnern konnte.
Sogar einige unserer Schafe waren erfroren.Nun war es Anfang März.
Überall lagen noch dreckige, braune Reste von Schneematsch herum.
Der Wind an der Küste war noch immer unerbittlich kalt.
Nur langsam kamen die ersten Grashalme und Knospen zum Vorschein.
Das ganze Dorf hungerte. Das letzte Schwein hatten wir bereits vor drei Wochen geschlachtet.
Seitdem gab es Kohl. Jeden Tag. Aber besser als nichts.Ragnar und ich vertrieben uns die Zeit mit Schwertkampfübungen.Beim letzten Mittsommerfest waren wir in die Riege
der Krieger aufgenommen worden. Wir waren nun 15 Jahre alt,
echte Männer!Dieses Jahr würden wir bei unserem ersten Raubüberfall mitmachen.
Wir wollten natürlich so schnell wie möglich losziehen, aber der Winter erlaubte es noch nicht.
Erst jetzt, seit Beginn der Schneeschmelze und dem auftauen des Meeres, war an eine längere
Überfahrt überhaupt zu denken.Die ältesten des Dorfes und der Seher
hielten gerade ein Thing ab.Sie wollten die Götter befragen
ob wir bereits jetzt losziehen könnten, ein Dorf im fernenFriesland zu überfallen.
Wir brauchten dringend Nahrung und Felle. Auch der Mut der Männer
war im Laufe des Winters gesunken und nur die Aussicht auf fette Beute konnte
sie wieder motivieren.Ragnar und ich schlichen uns an die Hütte heran und lauschten.
Drinnen war reges Stimmengewirr zu hören.
Ein Singsang des Sehers Thorgrim und das grummeln meines
Vaters Bernd Eriksson waren auf einmal lauter geworden.
Scheinbar hatten sie eine Meinungsverschiedenheit.Mein Vater meinte:
“ Das Wetter ist noch viel zu unsicher um jetzt schon so weit rauszusegeln. Das wäre blanker Selbstmord!“
Er hatte nicht ganz Unrecht.
Selbst die Fischer hatten ihre Probleme heile zurückzukommen. Bei den Winden die
jetzt noch auf hoher See herrschten.
„Eine Überfahrt bis nach Friesland? HA! Undenkbar!“
sagte er.Doch unser Seher Thorgrim war anderer Meinung.
Er hätte die Götter befragt und sie hätten ihm gesagt, dass sie Erfolg haben würden.Mein
Vater war Realist. Er hielt nicht viel von den Göttern.
Zu oft hatte er auf Thorgrim gehört und seine Ernte früher eingebracht als er eigentlich
wollte, weil Thorgrim Unwetter vorausgesagt hatte. Nichts war passiert. Verluste hatte er bekommen.
Ja. aber nicht durch das Wetter, sondern durch Thorgrims Furcht.
Die andern Bauern hatten ihn ausgelacht.Hanef unser Anführer war anderer Meinung.
Er war sehr göttergläubig.
Immerhinverdankte er ihnen seinen Posten als Anführer des
Dorfes, obwohl er nicht in der Blutlinie der Odinkar geboren war.
Mein Vater sagte dazu immer: „Ein paar Morde an der richtigen Stelle,
das kannst du auch als Hilfe der Götter auslegen. Dennoch war Hanef ein sehr
weiser und gerechter Anführer. Aber das ist eine andere Geschichte.
Hanef entschied einen Raubzug durchzuführen. „Wenn die Götter uns gnädig sind,
wollen wir auf sie hören!“, sagte er.„Bereitet alles was wir noch haben für ein
Abschiedsgelage heute Abend vor. Morgen sollen unsere Krieger
lossegeln und fette Beute machen!“,
schrie er.Ein allgemeines Jubel- und Siegesgebrüll ertönte aus der Hütte.
Früh am nächsten Morgen noch halb im Metrausch machen wir alles bereit.
das Schiff wurde mit Proviant und Wasser für 30 Leute und drei Tage Überfahrt beladen.
Ragnar und ich durften endlich auch mit dabei sein.Wir hatten ein Drachenboot
bislang nur von außen gesehen. „Nur echte Männer dürfen mitfahren!“,
sagte Thorgrim immer „sonst sind die Götter den Kriegern nicht gnädig.“
So ein Blödsinn. Aber nun waren wir ja Männer. Wir segelten also los.
Die See war recht ruhig an diesem Tag. Die Frauen winkten uns zum
Abschied.In der ersten Nacht der Reise passierte nicht viel.Die See wurde
sogar noch ruhiger und wir tranken Met auf Thor und Odin und grummelten dass Thorgrim
wohl doch recht gehabt hätte.In der zweiten Nacht war es ähnlich. Wir segelten nach den
Sternen denn der Himmel war klar. Nur kalt war es. Die Decken und Felle die wir uns u
mlegten schützten nur vor dem Erfrieren, aber zum wärmen hätten wir ein Feuer gebraucht.
Wir saßen Eng aneinander oder hielten und mit Rudern warm.Wir hatten ein genaues Ziel.
Ein Händler hatte uns letzten Sommer von einem sehr reichen Dorf in Friesland erzählt.
der Handel mit Torf blühte dort. Emuthon hieß es. Wir wollten es Überfallen und
besonders Lebensmittel und Kleinvieh erbeuten. Schätze waren natürlich ein angenehmer
Nebenverdienst. Aber im Moment wollten wir nur den Hunger des Dorfes stillen.In der
dritten Nacht brach plötzlich ein ungeheurer Sturm los.Er warf unser kleines Boot hin und her.
Wir schreien zu Odin.Der Sturm wurde immer heftiger,
einige Männer glaubten Seeungeheuer gesehen zu haben die das
Schiff angegriffen hätten.Ich hatte Todesangst. Wir waren von eiskaltem
Wasser durchnässt. Eine große Welle spülte plötzlich Irik, Orm undVandil
von Bord. Herim warf ihnen ein Seil zu und wurde mitsamt diesem ebenfalls
von Bord gespült.Plötzlich ein Krachen. Der Mast war gebrochen und begrub weitere 4 Leute unter sich.
Ich bekam einen Holzsplitter so groß wie ein Schwert in Schulter.
Dann wurde alles schwarz um mich.Als ich erwachte war es hell.
Ich lag im Sand und spürte nichts. Nur eine eisige Kälte die mich umklammert hielt wie die
Faust Thors.Ich wollte mich bewegen aber ich konnte nicht. Ich sah im Augenwinkel einen
anderen Körper im Sand liegen. Er war unnatürlich verbogen und blutüberströmt.
Er rührte sich nicht. Sein Brustkorb hob und senkte sich nicht mehr. Er war wohl tot.
Ein Krebs krabbelte über ihn hinweg. Dann wurde es wieder schwarz um mich.
Ich hatte einen seltsamen Traum. Es war warm und roch nach Feuer. Ich hörte einige Frauenstimmen.
War ich etwa in Widars Hallen? Sollte es da nicht eine große Festtafel geben?
Ich lag aber eher weich und jemand berührte mich. Seltsam. Ich öffnete meine
Augen und merkte, dass ich in einem Bett in einer Hütte lag.
Eine Magd säuberte meine Wunde an der Schulter.Sie sagte etwas,
aber ich verstand ihre Sprache nicht.Eine zweite Frau trat hinzu und sagte in gebrochenem
nordisch: „Wie geht es dir?“Ich sagte, dass es mir ganz gut ginge. nur meine
Schulter tue sehr weh.Sie sagte:“ Wir haben dich und einige andere nach dem
Sturm am Strand gefunden.
Alle waren tot bis auf mich und einen anderen.“Ich war noch irgendwie nicht ganz bei mir.
Ich verstand sie nicht. Alle tot?Wer noch lebe, fragte ich. Sie deutete auf ein Bett im
Raum und ich drehte meinen Kopf.ich konnten Ragnar erkennen der schlief.
"Ist er verletzt?" fragte ich? „Nein“, sagte sie, „aber er schläft schon seit zwei Tagen.
Du hast auch zwei Tage geschlafen.“Auf einmal merkte ich, dass ich unglaublichen
Durst hatte. Sie gab mir Wasser."Wer seid ihr?" fragte ich. „Mein Name ist Helga“
sagte sie. „Wir sind Friesen. Wir werden euch gesund pflegen, dann könnt ihr nach Hause
gehen.Wir wissen dass ihr Wikinger seid und unser oder ein anderes Dorf überfallen
wolltet, aber die Götter haben uns bewahrt und wir sind kein kriegerisches Volk.
Darum sorgen wir für euch.“ Dann ging sie weg.Auch die andere Magd ging weg,
nachdem sie meine Wunde zu Ende versorgt hatte.Ich schlief noch einmal ein.
Als ich erwachte war es dunkel. Ich versuchte aufzustehen. Was mir erstaunlich
gut gelang.Ich schaute zu Ragnar. Er schlief immer noch.Ich ging zu ihm hin und weckte ihn.
Er lächelte mich an und erzählte, dass er heute Nachmittag erwacht sei und dass man
ihm alles erzählt hätte. Er hatte sich nicht schlimm verletzt. Nur ein paar Prellungen und
Beulen und natürlich eine ordentliche Unterkühlung hatte er abbekommen.
Wir entschlossen uns ein wenig unsere neue Unterkunft zu erkunden.
Die Hütte in der wir lagen war wohl eine Art „Krankenhütte“.
Es standen dort noch drei weitere Betten, die aber leer waren. Mehr war nicht in der Hütte.
Wir schlichen uns vorsichtig durch das Dorf. Irgendwo bellte ein Hund. Ansonsten war es
still.Nur der Schein einiger Fackeln in der Umgebung, warf ein diffuses, schwaches Licht auf den
Weg und die Hütten.Wir kamen an eine Hütte die größer und prunkvoller war als die anderen im Dorf.Drinnen schienen Leute zu sein und sich zu unterhalten.Vor der Tür standen zwei Wachen.
Wir schlichen uns von der Seite an das Haus heran und lauschten.„
Was machen wir mit ihnen? Wenn wir sie nach Hause schicken, dauert es nicht lange und sie
kommen wieder.
Diese Wikinger sind eine Plage. Sie rauben, morden und Brandschatzen die ganze Küste entlang.
Bis hier sind sie jetzt schon gekommen. Ich bin dafür dass wir sie gefangen
halten und hinrichten“, sagte ein Mann.Einige murmelten Zustimmung.
Ein grummeln und tuscheln entstand in der Hütte.„Nein“ sagte eine andere Stimme,
ich kenne die Wikinger. Sie sind zwar Barbaren, aber sie sind auch Männer von Ehre.
Wir haben ihr Leben gerettet, sie stehen in unserer Schuld. Und das wissen sie auch.
“Ich schaute Ragnar an. So hatte ich da noch gar nicht gesehen. Allerdings hatte ich die meiste Zeit auch geschlafen.Wir schlichen weg und unterhielten uns. Wir fassten einen Plan.
Wir gingen wieder zur Hütte. Dieses Mal auf dem Weg direkt auf die Wachen zu. Sie bemerkten uns und sagten. „Halt! Ihr habt hier keinen Zutritt!“ Eine der Wachen rief ins Haus:
„Sie sind hier“„Lasst sie rein“,
tönte eine Stimme.Die Wache nickte uns zu und gab den Weg frei.
Wir kamen in die Hütte von Redjeven Ubbo Kampen.„Ihr seid also die beiden angespülten Wikinger?
“ fragte er, Ragnar stieß mir in die Seite und raunte:“ Hinknien!“
Wir knieten uns hin und ich sagte:“ So ist es.
Wir sind euch und eurem Dorf zu tiefstem Dank verpflichtet.
Ihr habt uns das Leben gerettet, obwohl wir eure Feinde sind.
“Mit einem zwinkern zu Ragnar wiederholte ich:“ Wir stehen in eurer Schuld und das
wissen wir auch, wir werden von eurer Großherzigkeit breichten und euer Dorf
nie wieder angreifen.Wir möchten euch diesen Eid schwören, da der Rest unserer
Mannschaft tot ist und wir nicht mehr nach Hause zurückkehren können:
Wir möchten euch und eurem Dorf bis an unser Lebensende dienen.
Wir schwören euch Treue und Loyalität.Nie wieder wird ein Wikinger ein Fuß
auf dem Boden dieses Dorfes setzen.Dieses schwören wir bei allen unseren Göttern.
“Ein reges Gemurmel entstand in der Hütte. „Lügner“.
Schrie einer von hinten.„Ruhe!“
Ein strenges Wort vom Redjeven genügte um Stille zu schaffen.Der Redjeven
stand von seinem prachtvoll verzierten Stuhl auf.
„Ihr Wikinger Mögen alle Götter und alle hier anwesenden zeugen eures soeben
abgelegten Eides sein! Möget ihr dem Wohle des Dorfes und der Ehre der Friesen dienen.
Ihr seid wahrlich Männer von Ehre!“Der Redjeven zog sein Schwert und steckte
es in die Höhe.Alle anderen Friesen im Haus taten es ihm nach. Dann brach ein
gewaltiges Jubelgeschrei aus.Ragnar und ich standen in der Mitte,
blickten uns an stimmten in das Geschrei mit ein.Dies ist unser Anfang bei der Frisia Magna
© Christoph Steinhauser, Januar 2007
Aktualisiert ( Donnerstag, 04. Juni 2009 um 20:59 Uhr )




